Oura erreicht 11-Milliarden-Bewertung: Wie weit trägt ein einzelnes Produkt?

Startup Insider – Investments & Exits · 24. September 2025

Quelle: Startup Insider – Originalepisode

875 Millionen Dollar in einer Series E – und eine Bewertung von 11 Milliarden für einen Fitnessring. Björn Rieckhoff und Jan Thomas ordnen die Oura-Runde ein: Wie rechtfertigt sich diese Bewertung bei einer Milliarde Umsatz? Warum das Plattformrisiko durch Apple das größte strategische Fragezeichen bleibt. Und ob Oura den Sprung von der Single-Product-Company zur Sleep-Economy-Plattform schaffen kann – oder ob Fitbit-Flashbacks berechtigt sind.

Kernthemen dieser Episode

  • Series E und Bewertungsdynamik: 875 Millionen Dollar Equity plus 250 Millionen Fremdkapital – und eine Verdopplung der Bewertung innerhalb eines Jahres. Was steckt dahinter?
  • Hardware plus Subscription: Ouras Geschäftsmodell zwischen Ring-Verkauf und Membership-Einnahmen – und warum 20 Prozent Software-Umsatz bei einer Hardware-Company bemerkenswert ist.
  • Plattformrisiko Apple: Warum die Abhängigkeit von Apple Health und ein möglicher Apple Ring das größte strategische Risiko darstellen.
  • Sleep Economy: Experten schätzen den Markt auf über 100 Milliarden Dollar – und Oura könnte die Marke werden, die man mit Schlaf assoziiert.
  • Fitbit-Flashbacks: 2015 für 14 Milliarden an die Börse, 2021 für 2 Milliarden von Google gekauft. Was Wearable-Investoren aus dem Fitbit-Zyklus lernen sollten.
  • Exit-Szenarien: IPO, Apple-Akquisition oder privat bleiben – welcher Weg ist realistisch bei 11 Milliarden Bewertung?

Transkript

Das folgende Transkript wurde für die Lesbarkeit bearbeitet. Inhalt und Aussagen wurden nicht verändert.

Jan Thomas: Björn, hi, freut mich. Regeneriert?

Björn Rieckhoff: Regeneriert, ja, so langsam wieder.

Jan Thomas: Ja, wir haben ja gerade im Vorfeld schon ein bisschen drüber gesprochen und das passt auch zum heutigen Thema. Vielleicht ist das nur so als kleiner Teaser, aber du bist einen Marathon gelaufen, gerade in, ich glaube, das war der heißeste Marathon seit Wetteraufzeichnung in Berlin.

Björn Rieckhoff: Ja, das war ein fantastisches Timing für meinen ersten Marathon. Um reinzukommen, gleich mal so eine richtige Hitzeschlacht. Ich habe es ja auch gerade gesagt, das ist schon so eine gewisse Humbling Experience. Also ich bin sehr gut durchgekommen, ich bin zufrieden. Bei mir lief alles sehr gut. Aber wenn man da so ab Kilometer 18 die Läufer links und rechts aussteigen sieht, mit hochroten Köpfen und die Sanitäter-Teams die ganze Zeit beschäftigt sind, das macht einen schon so ein bisschen nachdenklich.

Jan Thomas: Du hast ja gerade auch gesagt, es gab viel Prominenz. Toni Kroos war da und Harry Styles und so was. Aber auch in der Startup-Szene, viele Leute laufen. Wir wollen jetzt keine Namen nennen, aber das ist schon so ein Thema. Also irgendwie so dieses mit sich selbst irgendwie in der Challenge sein, ist schon ein Ding.

Björn Rieckhoff: Das ist so. Das wird immer attraktiver und man merkt das auch in der Entwicklung des Berliner Marathons oder auch des Halbmarathons. Man kommt da ja mittlerweile nur noch mit Losverfahren an den Startplatz als Ottonormalverbraucher. Es geht eben immer mehr in die Breite und es kommt in der Breite der Bevölkerung an. Dieses Fitnessbewusstsein, Gesundheitsbewusstsein. Und an der Stelle, weil du Toni Kroos angesprochen hattest, ist ja sein Bruder Felix mitgelaufen.

Jan Thomas: Ach, ich dachte eher sogar er selbst.

Björn Rieckhoff: Ich will an der Stelle sagen, ich bin eine halbe Stunde schneller gewesen als ein Fußballprofi. Auch wenn ich jetzt keine Fabelweltzeit gelaufen bin mit meinen vier Stunden, aber ich bin dann doch irgendwie sehr zufrieden.


Jan Thomas: Ja, das ist noch stark. Und ich höre aber auch raus, es ist nicht der letzte wahrscheinlich, ne, bei dir.

Björn Rieckhoff: Sagt das meiner Frau nicht. Man investiert eine ganze Menge Zeit in die Vorbereitung und man muss schon schauen, wo man das irgendwie unterkriegt. Und das inkludiert dann natürlich irgendwie früh morgens zu laufen, spät abends zu laufen. Und es schneidet insbesondere in die Zeit, die man normalerweise mit Freunden und Familie verbringt. Aber klar, ich bin auch vorher mal einen Halbmarathon gelaufen, es fühlt sich schon auch toll an, so vom Publikum getragen zu werden und das macht schon auch Lust auf mehr.

Jan Thomas: Man wird süchtig. Es gibt ja Leute, die den seit Jahrzehnten schon jedes Mal laufen. Aber du hast ja gerade das als Brücke zum Thema von heute. Du hast ja gerade schon gesagt, man will fit bleiben und so was. Und da war ich gestern, als das über einen Ticker ging, war ich tatsächlich überrascht über die Runde, die wir jetzt besprechen. Also in der Dimension und auch vom Timing her, die ich noch nicht erwarte, muss ich sagen.

Björn Rieckhoff: Ne, absolut nicht. Wir sprechen heute ein bisschen über Oura, den Fitnessring. Die haben nämlich tatsächlich eine Series E Finanzierungsrunde noch nicht ganz bekannt gegeben. Es soll wohl aktuell eine Finanzierungsrunde laufen in Höhe von 875 Millionen US-Dollar. Die könnte sogar laut Berichten über 900 Millionen hinausgehen, auf eine Bewertung, die bei 11 Milliarden liegt. Also wir stoßen da so in die Decacorn-Liga rein. Und du hattest das Timing angesprochen. Ende 2024 war nämlich die Bewertung nur halb so hoch und jetzt ein knappes Jahr später steigt die so enorm. Also das ist eine Wahnsinnsdynamik. Und insbesondere wenn man daran denkt, dass dann noch Fremdkapital irgendwie reinkommt von 250 Millionen über so ein Konsortium von verschiedenen Banken wie JP Morgan Chase, Goldman, Bank of America und so, das ist schon eine Hausnummer.


Jan Thomas: Total krass. Die letzte Runde waren 200 Millionen in Anführungszeichen nur im Vergleich. Und auch da habe ich mich jetzt gefragt, warum braucht man jetzt plötzlich so viel mehr Geld? Also das muss ja auch einen strategischen Aspekt irgendwie haben. Du sagst ja auch gerade Fremdkapital, muss man so viel vorfinanzieren, glaubst du?

Björn Rieckhoff: Ich weiß es nicht. Es ist natürlich schon auch ein Thema, ein Hardware-Startup irgendwo. Es ist ein Aggregat aus Hardware Sales, die kombiniert werden mit Subscription Services. Hat also auch eine relevante Software-Komponente, aber Mittel zum Zweck ist halt wirklich dieser Ring. Und der muss natürlich nicht nur entwickelt und produziert werden, sondern auch die Logistik dahinter muss stimmen. Und der muss natürlich auch vor allen Dingen vertrieben werden. Und das ist alles deutlich kapitalintensiver, als das bei der ein oder anderen Software-Startup der Fall ist. Insofern, man braucht sicherlich hier eine gewisse Finanzierung. Ich hätte ehrlich gesagt fast erwartet, dass man ab einem gewissen Punkt noch stärker auf Fremdkapital setzen kann. Also dieser Split von 900 Millionen Eigenkapital und 250 Millionen Fremdkapital – es ist schon eine sehr, sehr große Equity-Portion dabei, muss man schon sagen.

Jan Thomas: Ich hatte mit Mathias Ockenfels gerade über Revolut gesprochen, die haben ja auch so eine Runde gemacht und da waren viele Secondaries dabei. Da haben sie quasi auch dafür gesorgt, dass langjährige Mitarbeiter Liquidität bekommen. Man muss glaube ich immer so ein bisschen gucken, dass man auch die Stimmung im Team hochhält. Vielleicht ist es hier auch eben so, dass ein paar Secondaries integriert sind.

Björn Rieckhoff: Das denke ich. Und vor allen Dingen ist es auch an einem Punkt, dass Oura jetzt mittlerweile auch 10 Jahre alt ist, sind glaube ich 2015 an den Start gegangen. Und da kommt man so in die Richtung, wo gerade die ersten VC-Fonds irgendwie Druck verspüren, jetzt langsam mal ihre Position zu liquidieren und Mitarbeiter irgendwie rausgekauft werden. Ich bin mir dann unsicher, wie viel davon dann tatsächlich da reinfließt und wie viel dann tatsächlich neues Kapital ist. Das geht glaube ich aus den Berichten nicht so trennscharf hervor. Aber bei dem Volumen, was da stattgefunden hat, ist schon davon auszugehen, dass da eine ganze Menge Geld für weiteres Wachstum und Expansion des Geschäftsmodells zur Verfügung steht.


Jan Thomas: Ich finde Oura als Marke, ich weiß nicht, wie du darauf guckst, ich finde die super. Die haben so eine klare Mission, eigentlich vom Schlaftracking, mittlerweile dann mehr noch ein bisschen Richtung Menstruationszyklen und sowas kann man mittlerweile mit tracken. Also es gibt eine ganze Reihe Felder, in die sie sich noch vorwagen. Aber es bleibt halt eben dieser Ring. Und ich frage mich jetzt: Bleibt das so? Ist das gut oder müssen die halt irgendwann auch anfangen, quasi so eine ganze Produktfamilie aufzubauen? Man kann es ja so vergleichen mit Peloton, die ja dann eben auch mehrere Geräte gebaut haben.

Björn Rieckhoff: Und ich glaube ehrlich gesagt, Peloton hat sich da so ein bisschen verrannt. Der Markt blickt mittlerweile relativ kritisch auf Peloton. Das sieht man auch, wenn man den Kurs verfolgt an der Börse. Ich glaube tatsächlich bei Oura ist das eher eine Tugend, das eine Produkt auf sozusagen passive Nutzer auszurichten. Was ich damit meine, ist jetzt nicht notwendigerweise, dass die Nutzer von Oura sich nicht bewegen. Das sind auch durchaus sehr fitnessaffine Menschen. Aber bei Oura stand immer im Vordergrund, Fitness- und Schlafdaten zu tracken und nicht notwendigerweise Aktivitätsdaten und Aktivitätsprofile aufzuzeichnen. Das war eher dann in dem Bereich der Positionierung von einem Garmin, die stärker waren mit GPS-Tracking und dann auch mehr Funktionalität mit den Uhren zugelassen haben und dem Brustgurt oder Whoop oder dergleichen. Oura hat eigentlich immer die Nutzer angesprochen, denen es sehr stark um die Gesundheitsdaten per se ging, also um Ruheherzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität, Schlafzyklen et cetera. Und ich glaube, darauf baut man auf und da sieht man dann auch die Expansion in Richtung Frauengesundheit. Das passt da sehr gut hinzu. Da hat man glaube ich einfach eine sehr tiefgründige und glaubhafte Positionierung im Markt gefunden, um darauf aufzubauen.


Jan Thomas: Nur zeitgleich, der Wettbewerbsdruck ist sehr hoch. Also Samsung hat irgendwie einen Ring rausgebracht. Du hast jetzt gerade Garmin und sowas schon erwähnt. Aber ich glaube insbesondere Apple, die ja gesagt haben, dass die AirPods eigentlich mal so ein Health-Device mal werden sollen. Das sind eine ganze Reihe an Features und vor allem aber auch die Apple Watch. Und da bin ich jetzt nicht ganz sicher, wo bleibt dann der Platz für Oura, weil dann als Single Product Company gegen so einen Apple anzustinken, das weiß ich halt eben nicht. Das ist ganz schön schwierig.

Björn Rieckhoff: Das ist glaube ich immer auch so dieses Investoren-Argument bei ganz vielen Wearable-Companies in der Vergangenheit gewesen. Ich kenne das selber noch aus Diskussionen, die wir beim Fonds geführt hatten. Wie sieht das denn perspektivisch aus? Wie kann man denn das Ganze irgendwie dann auch wieder liquidieren? Wer kauft denn so was am Ende des Tages? Und ich glaube, was Oura macht, ist ganz spannend. Es ist halt plattformunabhängig. Du kannst es nutzen mit dem iOS und dem Android Ökosystem, was die Nutzerbasis einfach massiv erhöht. Und dann ist es eben aufgrund dieser Positionierung als Sleep Tracker sehr universal anzuwenden. Also ich glaube, es gibt eine gewisse Coexistenz zwischen den deutlich aktivitätsbezogenen Brands wie einem Whoop oder einem Garmin, die im Zweifel die sportlichen Aktivitäten tracken und die High Intensity Phasen wahrscheinlich besser tracken können als der Ring, da ist einfach der Formfaktor der Uhr besser. Da sehe ich nicht notwendigerweise ein Konfliktpotenzial. Aber das was ich sehe, ist eben so ein großer Player wie Apple. Dass der im Zweifel strategisch deutlich besser positioniert ist als Oura oder anders gesagt am längeren Hebel sitzt. Du hast halt einfach dadurch, dass du auf eine existierende Plattform aufsattelst, eine Abhängigkeit gegeben und sämtliche Änderungen, die strategischer Natur sind in Bezug auf den Umgang mit Apple Health und den Daten, die haben einen massiven Einfluss auf Ouras Geschäftsmodell. Und das darf man nicht unterschätzen.


Jan Thomas: Ja, weil ich finde, das müssen sie auch schaffen irgendwie. Ich glaube, es war zu lesen, fünfeinhalb Millionen verkaufte Geräte. Aber ich habe gesagt, dass sie eigentlich den Markt schon irgendwie gut adressiert haben. Die Marketing-Kampagnen und auch generell, wie sie versuchen, den Nutzer zu erreichen über E-Mail-Kampagnen und so was, das haben sie eigentlich alles schon ausperfektioniert. Das heißt ich frage mich, wie kann man jetzt im Prinzip die Erwartung von Investoren erfüllen? Verfünffacht man den Umsatz oder so in den nächsten zwei Jahren? Das ist mir nicht ganz klar.

Björn Rieckhoff: Und ehrlich gesagt, ich sehe da auch ein bisschen skeptisch drauf. Was ich beeindruckend finde: Hut ab, das sind 500 Millionen US-Dollar Umsatz im Jahr 2024, was schon doppelt so viel war wie 2023. 2025 rechnet man mit einer Marke von 1 Milliarde US-Dollar Umsatz und 2026 prognostiziert das Management 1,5 Milliarden Dollar Umsatz. Und das ist natürlich auch gerade für eine Company, die auch Hardware-Sales hat, enorm. Jetzt kommen wir da allerdings irgendwann natürlich in eine Sättigung des Marktes. Da ist es sicherlich noch nicht gegeben, eine Fitnessaffinität, die wir besprochen haben, und internationale Expansion des Produktes. Aber wir kommen natürlich irgendwann in eine Situation, wo du auch darauf angewiesen bist, dass existierende Nutzer ihren Ring irgendwie austauschen und einen neuen Ring kaufen, wie das eben regelmäßig bei den iPhones der Fall ist.

Jan Thomas: Das heißt Innovationsdruck im Produkt eigentlich auch.

Björn Rieckhoff: Genau, du hast einen unheimlichen Innovationsdruck im Produkt und du kannst dich nicht mehr darauf verlassen, dass du jetzt nur über Neukunden wächst. Und ich glaube, an dem Punkt ist Oura wahrscheinlich noch nicht ganz, den wirst du dann allerdings irgendwann sehen. Und dann wird es irgendwann spannend, wie entwickelt sich das und wie viele Leute upgraden eigentlich zum nächsten Produkt. Also ich sage es dir mal ganz pragmatisch, ich nutze immer noch so eine Garmin Forerunner, die wahrscheinlich der Vorgänger vom Vorgänger ist. Aber die reicht halt für mich absolut aus, weil alles andere hole ich mir irgendwie durch eigene Analysen über ChatGPT und Co. mit rein. Und brauche jetzt nicht notwendigerweise den Readiness Score, der mir gegeben wird. Das mache ich halt selber, da speise ich einmal meine Schlafdaten in ChatGPT rein. Das rechtfertigt für mich jetzt nicht den hohen Preis für eine neue Garmin Watch. Und dieses Problem wird sicherlich auch Oura irgendwann angehen müssen, welche Features dazu kommen, die ein Upgrade in die nächste Produktgeneration rechtfertigen.


Jan Thomas: Und da fehlt mir echt die Fantasie. Ich war sowieso schon überrascht damals, als der Ring rauskam, was man überhaupt alles über den Finger messen kann. Aber mir fehlt die Fantasie, was da noch alles gehen könnte. Ja, und da finde ich den Ansatz von Apple dann zu sagen, man hat die Watch, man hat die AirPods und vielleicht noch einen Ring irgendwann, den finde ich da eigentlich viel versprechender. Das heißt, ich würde fast darauf zählen, dass die eher anfangen, vielleicht ein zweites Produkt rauszubringen.

Björn Rieckhoff: Ich weiß es nicht, ist ziemlich schwer, da irgendwas zu identifizieren, wo ich sagen würde, das ist hundertprozentig komplementär, weil du hast ja natürlich auch hinterher immer so ein bisschen Kannibalisierung innerhalb der verschiedenen Devices. Also, wenn du jetzt eine Apple Watch trägst, würdest du auch noch den Apple Ring tragen? Was bringt dir das für einen Mehrwert oder ist das eher so eine Art Style-Faktor, Lifestyle-Choice oder dergleichen. Also es ist eher emotional getriggert als wirklich jetzt eine pragmatische Wahl.

Jan Thomas: Es sei denn, es ist ein Steuerungselement für die Brillen, die sie bauen und so was. Das kann ja schon irgendwie auch holistischer gedacht sein.

Björn Rieckhoff: Das stimmt. Was ich bei Oura tatsächlich eher erwarten würde, jetzt mal ein bisschen weggedacht von der Hardware: Du hast eben mittlerweile eine gewisse Erstattungsfähigkeit in den Staaten. Das ist jetzt nicht FDA-approved und ein Medical Device per se. Aber du hast halt die ganzen privaten Gesundheitspläne, die ja in den USA im Prinzip maßgeblich sind und von den Unternehmen mitgefüttert werden. Da hast du im Prinzip schon Mitarbeiter-Benefit-Programme, auf die Oura aus ist und von denen sie immer mehr Partner gewinnen. Und da siehst du so ein bisschen diese Trajectory. Du hast eigentlich ein Produkt, was aus dem Lifestyle-Faktor herauswächst und in Richtung Gesundheits-Device geht und eher auf dem Gesundheitsmarkt aus ist, als jetzt notwendigerweise auf dem Markt von Sport-Enthusiasten.


Jan Thomas: Vielleicht nochmal, die Positionierung kann ja auch sein – ich erinnere mich, wir haben ja damals dieses Magazin The 100 gemacht, da haben wir eine New York Ausgabe gemacht und da habe ich das Team von Casper getroffen, dieses Schlafmatratzen-Startup damals, relativ populär, im Prinzip auch Single Product. Und ich hab damals schon gesagt, Schlaf ist ja eigentlich so ein super wichtiges Thema. Der Mensch gibt für sein Auto, was weiß ich, für alles so viel mehr Geld aus, als für das, wo er sich eigentlich Regeneration holt und 8 Stunden am Tag drin verbringt. Und es gibt in den USA ein Unternehmen, das heißt Eight Sleep, die haben auch gerade 100 Millionen eingesammelt. Die machen so eine AI-gestützte Matratze und ich könnte mir fast vorstellen, dass Oura fast nicht nur ein Ring bleibt, sondern vielleicht hingeht zu so einer Schlafwelt, dass man sagt, wir sind die Schlafcompany. Weil das ist so ein Markt, in der heutigen Zeit, wo Menschen sehr gesundheitsbewusst mittlerweile sind, dass da viel mehr Potenzial noch steckt, als gerade gehoben wird.

Björn Rieckhoff: Ja, hundertprozentig. Ist eine superspannende Sichtweise drauf. Und ich glaube auch mittlerweile, auch gegeben der Größenordnung der Finanzierungsrunde, absolut im realistischen Bereich, dass da eine gewisse Konsolidierung von Seiten Ouras getrieben wird. Also temperaturgesteuerte Schlaf-Setups, Wasserkühlungen, die die Temperatur regulieren, sodass es für dich ideal ist. Im Zweifel ist es dann sogar noch in zwei getrennten Kreisläufen, sodass du von deinem Partner oder deiner Partnerin getrennt irgendwie unterschiedliche Temperaturen im Bett hast. Ich glaube, in die Richtung geht es auf jeden Fall. Das bleibt natürlich, wir sprechen hier über First-World-Problems, das muss man auch ganz deutlich sagen. Aber das ist bei Oura generell der Punkt. Schlaf spielt einfach eine unheimlich wichtige Rolle. Das ist der größte Hebel. Gerade wenn du durch diese intensiven Trainingsphasen gehst: Wenn der Schlaf passt, dann machst du das gut weg. Aber wenn das eben nicht der Fall ist, dann merkst du, was das für einen Einfluss hat.


Jan Thomas: Nur für viele Dinge glaube ich. Also wer seinen Schlaf optimiert, egal ob du abnehmen willst oder dich einfach nur besser konzentrieren möchtest. Schlaf ist echt so eine komplett unterschätzte und wahrscheinlich auch von vielen Leuten noch vernachlässigte Möglichkeit, sich gesünder zu entwickeln. Ich weiß jetzt nicht, Matratzen, Casper ist ja dann irgendwie auch gegen die Wand gefahren. Da war dann glaube ich im Modell zu wenig Marge drin. Aber dass in so eine Richtung was geht, das könnte ich mir schon vorstellen, dass sie so was machen.

Björn Rieckhoff: Ich glaube, du hast bei Oura den größten Vorteil, dass du bei Casper und auch den anderen Startups irgendwie so ein riesen Logistik-Thema hattest. Bei Peloton übrigens auch, gegeben der Sperrgüter. Das ist bei Oura so ein bisschen anders. Du verschiffst eben aktuell nur den Ring. Das kann perspektivisch sich ändern. Aber wenn man das so knapp hält, dann ist da schon eine ganze Menge drin. Experten sprechen schon von der Sleep Economy und schätzen den Wert von dieser Industrie auf über 100 Milliarden US-Dollar jährlich. Das ist schon auf dem Markt.

Jan Thomas: Und sag mal, die Firma, die du assoziierst mit Schlaf, mir fällt da keine richtig ein. Also richtig, wenn du sagst, das ist Schlaf, VW, das Auto.

Björn Rieckhoff: Ne, genau. Das gibt es so nicht. Da ist schon auch eine Positionierung offen. Man hat immer mal wieder so ein paar Endeavors gesehen von ein paar Startups, die das versucht haben. Meditation, so ich denke an Calm oder so, die sehr stark in Richtung Einschlafbegleitung auch gingen. Aber nicht ganzheitlich. Und ehrlich gesagt, wenn man sich überlegt, was jetzt eine Apple Watch oder so dir anzeigt, das ist halt auch ein bisschen Apple Prinzip, dass man das sehr nutzerfreundlich und auf die relevantesten Punkte runterdrillt. Das sind halt Durchschnittswerte. Das ist jetzt nicht unbedingt für den Analyse-Enthusiasten geeignet. Also es lässt da auch deutlich Platz für Verbesserungen.


Jan Thomas: Ich bin hier gerade noch bei Eight Sleep auf der Seite. Und also vielleicht für alle Hörerinnen und Hörer, wer da zuschlagen will, es gibt gerade 150 Euro Rabatt auf den Pod 5 Ultra, der kostet auch nur 5.500 Euro.

Björn Rieckhoff: Das war mein First-World-Problem.

Jan Thomas: Nee, aber ich will damit sagen, das zeigt so ein bisschen die Fantasie vielleicht da drin. Also wenn man sagt, das Produkt ist nicht mehr der Ring, sondern es ist Schlaf, das kann ich mir wiederum vorstellen. Das ist auch dann gegenüber Apple eine ganz gute Positionierung. Und wir haben es ja hier bei, in Deutschland gab es ja Emma-Matratzen und so, die dann, glaube ich, für einen Milliardenexit verkauft wurden. Also, man kann mit Matratzen Geld verdienen. Und dann, wenn man so ein Ding hier großzieht, dann wird es auch die Bewertung vielleicht wieder rechtfertigen, weil ansonsten verstehe ich die nicht. Ich verstehe nicht, wie du mit einer Milliarde Umsatz, so respektabel das ja ist, und ein Wachstum von 50 Prozent pro Jahr, wahrscheinlich dann mit einem guten Anteil Software-Margen, aber da verstehe ich 11 Milliarden nicht.

Björn Rieckhoff: Da muss im Prinzip in der Kommunikation gegenüber den Investoren, also in der Roadshow, irgendwie deutlich mehr Einblicke gewährt worden sein, als das jetzt beim Gerüchterelease der Fall ist. Vielleicht lernen wir auch in den nächsten ein, zwei Wochen deutlich mehr nochmal drüber, was das Management vorhat. Interessanterweise auch dazu kurz, das Management ist IPO-erfahren. Da steht halt tatsächlich auch ein bisschen was dahinter. Aber ja, nur ich habe gelesen, 20 Prozent des Umsatzes erzielt Oura mit Membership-Einnahmen aus den Mitgliedsabos. Das ist jetzt nicht wenig, aber das ist jetzt auch nicht das Gros des Umsatzes. Die Hardware-Sales werden wahrscheinlich irgendwann in Richtung Plateau oder Sättigung reinlaufen, ganz natürlicherweise.


Jan Thomas: Und die haben auch, wir hatten das hier schon mal besprochen, die haben in der Angel-Runde damals oder in der Seed-Runde wirklich krasse Namen mit reingeholt. Will Smith ist dabei, dann habe ich Lance Armstrong irgendwie gesehen, Mark Benioff, also da sind schon auch Leute dabei, die glaube ich in verschiedenste Richtungen Türen öffnen können. Und mit dabei, übrigens spannend, Nico Wittenborn, der glaube ich ehemals Point Nine wenn ich mich richtig erinnere. Also spannend, dass der bei so einem Thema dabei ist.

Björn Rieckhoff: Das klingt sehr lukrativ, ja, aber es passt auch sehr gut zum Fokus und die machen ja nur Consumer-Themen.

Jan Thomas: Also ich finde es spannend, ich finde die Runde spannend. Ich habe die nicht so erwartet. Wir haben jetzt gerade so ein bisschen rumfantasiert, was die Hintergründe sein können, weil ansonsten erschließt sich mir das nicht. Dass die jetzt gigantisch wachsen mit diesem einen Produkt, I don't know.

Björn Rieckhoff: Ja, es muss weitere Fantasie dahinter sein. Oder vielleicht deutet es auch darauf hin, dass wir endlich mal einen Durchbruch in den Bewertungen in Europa sehen. Das kann ja auch sein. Jedenfalls ist es ein sehr starkes Signal, glaube ich, für Wearables allgemein und für das europäische Ökosystem, muss man ja auch sagen. Es ist eine finnische Company.


Jan Thomas: Total. Ja, aber trotzdem vielleicht nochmal, wenn sie mit den Zahlen jetzt quasi an die Börse gehen würden, ich meine, das Börsenfenster geht langsam wieder auf. Aber mit einer 11 Milliarden Bewertung, mit einer Milliarde Umsatz gehst du nicht an die Börse, oder?

Björn Rieckhoff: Ne, ich würde da schon noch ein bisschen, da muss wahrscheinlich noch mehr passen. Im Zweifel brauchst du das Jahr 2026, um auf der einen Seite diese 50 Prozent Wachstum nochmal zu zeigen und im Zweifel nochmal zu bestätigen, dass du tatsächlich am Rand der Profitabilität oder knapp profitabel bist, trotz des sehr starken Wachstums. Ich glaube, das wäre dann eine sinnvolle Investoren-Story, wenn du das kombinierst mit den entsprechenden Expansionspotentialen im amerikanischen, lateinamerikanischen, asiatischen Markt. Aber ja, ich habe so ein bisschen Fitbit-Flashbacks. Fitbit für die Zuhörer, die es nicht mehr ganz so auf dem Schirm haben, ist 2015 an die Börse gegangen. Direkt nach dem IPO ist der Kurs angestiegen auf 49 US-Dollar pro Aktie und verkauft wurden sie dann hinterher für zwei Milliarden, das hat sich übersetzt in knappe 7 US-Dollar.

Jan Thomas: Das heißt aber, die waren auch mal 14 Milliarden wert dann.

Björn Rieckhoff: Ja, augenscheinlich. Also das ist so ein Thema. Ich glaube, der Markt der Wearables, das geht durch gewisse Zyklen. Und ich glaube auch Oura hat das sehr, sehr gut gemacht, auch gerade im Bereich Consumer, da die richtigen Schritte zu gehen. Man hat ja in der Vergangenheit schon Partnerschaften gehabt mit Gucci und Co. Also, das ist halt auch wirklich so ein Lifestyle-Produkt und ja eine Marke geworden, über die die Nutzer halt maßgeblich identifizieren. Und das trägt natürlich auch zu so einer Bewertung bei.


Jan Thomas: Aber solche Unternehmen kommen als Käufer eigentlich nicht in Frage, dass du mal in so ein Luxus-Brand-Segment und sowas denkst, so wie LVMH. Das könnte vielleicht auch noch sein, dass man da irgendwie versucht, weil so ein Adidas oder sowas, das ist alles zu groß schon, also Oura ist schon zu weit.

Björn Rieckhoff: Ja, und das ist auch irgendwann dieser Schritt, wo du dich so ein bisschen rauspreist. Also entweder du schaffst dann den Sprung aufs Parkett oder bleibst seit Ewigkeiten in den privaten Märkten, auch das ist ja durchaus in den letzten Jahren ein gangbarer Weg gewesen, wenn du eine gewisse Liquidität den Bestandsinvestoren irgendwie ermöglichen kannst. Aber ich sehe, der Exit-Markt wird schon deutlich enger, je größer du wirst. Und ehrlich gesagt, ob das jetzt eine Modemarke oder Luxusgüter übernimmt, weiß ich nicht. Also ich würde da eher davon ausgehen, dass sie versuchen, da weiterhin die Tech-Schiene zu fahren. Und ja, Fitbit wurde hinterher von Google gekauft. Google wird es jetzt wahrscheinlich nicht machen, das glaube ich nicht, aber...

Jan Thomas: Apple ist aber echt ein Kandidat, ja? Wirklich?

Björn Rieckhoff: Die haben halt Cash ohne Ende, muss man schon sagen.

Jan Thomas: Die wissen nicht, wohin damit. Wenn jetzt hier tatsächlich, Apple hat ja diesen HomePod, wo ich immer dachte, das wird mal so das Betriebssystem fürs Zuhause. Und wenn jetzt hier Oura das Schlafzimmer setzen sollte, dann wäre das vielleicht so ein erster Schritt für Apple, der Sinn macht, weil da findet Apple glaube ich gar nicht statt.

Björn Rieckhoff: Da hast du absolut recht und ich glaube auch ehrlich gesagt, von der Markenbotschaft, von dem Schnittpunkt, der Zielgruppe und so, das passt schon ganz gut rein. Da kann man kreativ werden.

Jan Thomas: Wir legen es uns auf Wiedervorlage, würde ich sagen, Björn. Also da kommen bestimmt noch News demnächst, dann sprechen wir nochmal drüber.

Björn Rieckhoff: Das machen wir.

Jan Thomas: Perfekt. Hat großen Spaß gemacht, du. Dann regenerier du dich mal schön von deinem Marathon und bin gespannt, wann du das nächste Mal läufst.

Björn Rieckhoff: Ja, danke dir. Ich halte dich auf dem Laufenden. Vielen Dank.

Jan Thomas: Bis dann, ne? Ciao.


Über Björn Rieckhoff

Björn Rieckhoff ist Independent Advisor und Business Angel mit fast zehn Jahren Erfahrung im Early-Stage-Venture-Capital. Er half beim Aufbau von Cavalry Ventures als erster Mitarbeiter und wurde später Partner des Fonds. Heute unterstützt er Gründer beim Fundraising, schärft ihre Story, stellt Geschäftsmodelle auf den Prüfstand und setzt schlanke Finanzierungsprozesse auf. Mit über 80 Transaktionen und Board-Sitzen von der Seed- bis zur Series-B-Phase bringt er diese Perspektive als Sparringspartner für Unternehmer ein.

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