Wird Venture Capital politisch? Andreessen Horowitz, American Exceptionalism und Europa
Quelle: Startup Insider – Originalepisode
Das Fund Announcement von Andreessen Horowitz über 15 Milliarden US-Dollar war kein klassisches Funding Announcement. Es war ein Manifest. In dieser Episode spreche ich mit Jan Thomas darüber, was American Exceptionalism als Kernthese eines VC-Fonds bedeutet, warum Europa in dieser Weltdeutung schlicht nicht vorkommt – und was das für Gründer, Investoren und die europäische Technologiepolitik bedeutet.
Kernthemen dieser Episode
- Ein Manifest, kein Funding Announcement: Warum der Blogpost von Ben Horowitz weit über Kapitalmarktkommunikation hinausgeht – und was darin explizit gesagt wird
- American Exceptionalism als VC-These: Wie ein 15-Milliarden-Fonds Staatsinteressen und Kapital strategisch verknüpft – und was das für europäische Gründer bedeutet
- Europa als Zuschauer: Warum der Kontinent in der amerikanischen Weltdeutung gar nicht mehr vorkommt – und China als einziger Gegenspieler gilt
- Welches Kapital nehme ich auf?: Wie Investorenentscheidungen politische Signale senden – und warum das zu selten offen diskutiert wird
- Was Europa tun müsste: Schlüsselbranchen stärken, Tempo aufnehmen, europäisch denken – ohne die eigenen Werte über Bord zu werfen
Transkript
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Jan Thomas: Björn, hi, freut mich.
Björn Rieckhoff: Hallo Jan, freut mich ebenso.
Jan Thomas: Wir hatten das Thema schon mit Daniel Höpfner und Henrik Kühnert besprochen, aber du hast gesagt, du kannst einfach nicht anders, als noch einmal darüber zu sprechen – mit einem anderen Blickwinkel. Worum geht es?
Björn Rieckhoff: Es geht um das Fund Announcement von Andreessen Horowitz – 15 Milliarden US-Dollar, verteilt über mehrere Fonds. Ich habe das aber nicht als Funding Announcement gelesen, sondern als Ideologiepapier, fast schon als Manifest. Und vor dem Hintergrund wollte ich darüber sprechen, was da gerade in der Venture-Capital-Szene in den USA passiert. Ich finde es wichtig, dass wir uns in der aktuellen politischen Situation bewusst machen, welche Dynamiken damit verbunden sind – und mit welcher Schwungmasse. 15 Milliarden US-Dollar entsprechen ungefähr 18 Prozent aller Venture-Capital-Investitionen in den USA. Ich habe mal nachgeschaut: Im gleichen Zeitraum haben europäische Fonds insgesamt rund 8 Milliarden Euro eingeworben. Das ist eine andere Größenordnung. Das geht schon fast in Richtung Bruttoinlandsprodukte einzelner Nationen.
Jan Thomas: Das ist schon krass. Wobei Geld allein natürlich nur die halbe Wahrheit ist. Wir hatten damals SoftBank, Tiger Global – viel Kapital, viele schlechte Investments. Das muss das Ergebnis nicht vorwegnehmen. Aber als Machtkonzentration ist das natürlich beeindruckend.
Björn Rieckhoff: Ja, auf jeden Fall. Und genau da möchte ich die Brücke bauen: Was steckt eigentlich hinter diesem Announcement, was wurde kommuniziert? Den Blogpost von Ben Horowitz können wir gern in der Episode verlinken – ich würde ihn gerne auseinandernehmen, um in die Denkweise einzutauchen. Denn er geht weit über klassische Kapitalmarktkommunikation hinaus.
Der einzige Satz, der wirklich nach Funding Announcement klingt, ist der erste: Wir haben über 15 Milliarden Dollar aufgenommen. Dann hört es eigentlich auf. Normalerweise würde man erwarten: So investieren wir, das sind unsere Thesen, das sind die Fokusthemen. Stattdessen wechselt der Text in eine moral-philosophische Richtung. Er beginnt mit einem allgemeingültigen Wert – dass eine Gesellschaft jedem Einzelnen eine Chance geben sollte, unabhängig von Ethnie und Hintergrund. Damit kann erst mal jeder leben. Dann kommt allerdings schnell die ideologische Abgrenzung gegenüber kommunistisch geprägten Gesellschaften – was für einen amerikanischen Fonds zu erwarten ist.
Aber dann kommt der eigentliche Kern des Posts: American Exceptionalism wird als zentrale These definiert. Die USA wird als überlegenes System zur Wohlstandsproduktion dargestellt. Und das Entscheidende: Damit einher geht die Legitimierung, dieses System zu exportieren. Im Blogpost wird explizit gesagt, falls Amerika nicht gewinne, verliere die Welt – wirtschaftlich, militärisch, geopolitisch und kulturell. An dem Punkt haben sich bei mir die Nackenhaare aufgestellt. Das ist kein Funding Announcement mehr. Das ist ein politisches Statement – von einem Fonds, der gerade 15 Milliarden Dollar aufgenommen hat. Diese Überhöhung, die dort stattfindet, geht mir ziemlich gegen den Strich. Das ist meine persönliche Meinung, die Hörer können das teilen oder nicht.
Jan Thomas: Das kann ich total nachvollziehen. Zur Einordnung: Andreessen Horowitz ist relativ Trump-nah – sie haben sich 2024 klar zur Trump-Regierung bekannt, es gibt Verbindungen zu Peter Thiel. Aber ich nehme jetzt bewusst mal die Gegenposition ein: Wenn das ein europäischer Fonds wäre, der sagt „Europe must win" und rund 20 Prozent des europäischen Venture Capitals unter sich vereint – das würden wir wahrscheinlich gar nicht so schlecht finden, oder?
Björn Rieckhoff: Wahrscheinlich nicht, da gebe ich dir recht. Ich glaube, der Unterschied ist allerdings, dass wir damit nicht notwendigerweise meinen: Falls Europa nicht gewinnt, geht die ganze Welt unter. Und genau diese Formulierung steht explizit in dem Blogpost. The world will lose – economically, militarily, geopolitically and culturally. Da wird keine Grenze mehr gezogen.
Ich finde eine selbstbezogene Sichtweise – wir haben unseren Wertekontext, wir müssen ihn stärken – völlig richtig und wichtig. Und wenn wir das nicht tun, machen das andere für uns, und dann verlieren wir Werte, die uns historisch sehr viel bedeuten. Aber in dem Moment, in dem ich anderen mein System aufzwingen möchte, überschreite ich eine Grenze. Das ist das Entscheidende.
Jan Thomas: Ich bin total bei dir. Und gleichzeitig: Es gab dieses bizarre Statement von Trump, er sei keinen internationalen Gesetzen mehr unterworfen, nur noch seiner eigenen Moral. Was er am wenigsten besitzt. Man könnte auch argumentieren: Wenn wir europäische Werte nicht versuchen zu verankern und zu internationalisieren, laufen wir Gefahr, dass das, was wir uns in den letzten 100 Jahren aufgebaut haben, zerbröckelt. Ich hatte gerade die Lanz-Folge mit Christian Miele gesehen – der ehemalige Vorsitzende des Bundesverbands Deutsche Startups. Er hat relativ hart gegen die Berliner Regierung geschossen. Aber letztendlich: Wir können gar nicht aufschließen, wir sind total abhängig. Und jetzt haben wir hier die Bullies aus den USA, die dafür sorgen, dass ihr Vorsprung exponentiell gesichert wird.
Björn Rieckhoff: Ja, hundertprozentig. Und da müssen wir selbstkritisch resümieren: Im Status quo spielt Europa in diesen Diskussionen de facto keine Rolle mehr. Auch in diesem Funding Announcement geht es nur um China als Gegenspieler – vielleicht noch Russland geopolitisch gesehen. Europa wird gar nicht mehr angesprochen, weil wir schlicht keine Rolle mehr spielen in diesem Weltbild.
Und deswegen ist es wichtig, dass wir verstehen, was hier passiert. Hierzulande versteht man nicht automatisch Finanzierungsrunden als geopolitisches Signal. Anderswo sehr wohl. Was bei American Dynamism positiv als Innovationspotenzial und nationale Resilienz gelesen werden könnte, ist in Wirklichkeit ein aggressiver, strategischer Schulterschluss zwischen Venture Capital und Staatsinteressen. Bei einer Größenordnung von 15 Milliarden Dollar ist es völlig berechtigt, von Staatsinteressen zu sprechen.
Jan Thomas: Aber ist das nicht auch gut, Björn? Würden wir uns nicht auch wünschen, dass Regierungen hierzulande verstehen, dass Venture Capital die Innovationskraft von morgen sichert?
Björn Rieckhoff: Das würde ich mir auch wünschen. Aber in Europa geht damit, zumindest hoffe ich das, ein anderes Verständnis einher: sozial eingebettete Innovationen, technologische Souveränität, implizit immer auch ein Pluralismusgedanke. Den gibt es hier nicht. Pluralismus wird in diesem Post gar nicht diskutiert. Es geht um Macht und Sicherheitsinteressen, die systemisch sind und die weit über den Kapitalmarkt hinausgehen.
Jan Thomas: Bei Lanz lief das eigentlich ins Leere. Christian Miele hat auf den Tisch gehauen, hat sinngemäß gesagt: Wir sitzen in dieser Diskussion nicht mal am Kindertisch – wir sind das Mittagessen. Und niemand hatte eine Antwort. Was würdest du tun, wenn du könntest? Mehr Kapital durch die KfW an die Top-10-Fonds in Deutschland?
Björn Rieckhoff: Wir führen seit Jahren die Diskussion, dass wir zu wenig Follow-on-Kapital in Europa haben – dass deswegen Technologieunternehmen irgendwann abwandern, in die USA gehen, weil sie dort die größeren Summen finden. Das ist für den einzelnen Unternehmer nachvollziehbar.
Aber das ist ja nur der Venture-Capital-Teil. Schlimmer ist, wenn dann Meta oder jemand ähnliches diese Unternehmen wegkauft. Und das Verpasste lässt sich nicht von heute auf morgen revidieren. Initiativen wie der Deutschlandfonds finde ich gut und wichtig – aber die tragen erst übermorgen Früchte. Es geht darum, jetzt nicht mehr zu kleckern, sondern zu klotzen. Wir müssen die relevanten, auch teilweise aggressiven Entscheidungen jetzt treffen, um morgen überhaupt noch eine Rolle zu spielen.
Und es geht um mehr als nur Kapitalallokation: a16z ist sehr wohl auch global aktiv – und damit vertreten sie amerikanische Interessen auch innerhalb von Europa. In der Vergangenheit war das kein Problem, es wurde sogar begrüßt. Ich bin selbst in einer Welt aufgewachsen, in der man einer gewissen Amerikanisierung in der Technologiebranche folgt. Aber ich würde meinen, dass amerikanisches Denken innerhalb von Europa in Zukunft nicht mehr selbstverständlich positiv besetzt sein wird.
Jan Thomas: Aber die Realität: Black Forest Labs zum Beispiel, ein Vorzeige-Startup – Investor der ersten Stunde war Andreessen Horowitz. Und gleichzeitig: Aleph Alpha hat gerade 17 Prozent der Belegschaft entlassen. Vor drei Jahren wurden die noch in einem Atemzug mit OpenAI genannt. Da ist jetzt ein Vakuum. Wir gucken die ganze Zeit nach Frankreich zu Mistral und hoffen, dass die irgendeine Rolle spielen.
Björn Rieckhoff: Ja. Und Randnotiz: a16z ist auch dort investiert, glaube ich.
Jan Thomas: Das wusste ich gar nicht. Okay, krass.
Björn Rieckhoff: Ich glaube schon, ja. Und das ist wichtig, das aus Gründersicht zu verstehen: Mit den Investoren auf dem Cap Table geht immer auch eine gewisse Ausrichtung einher. Das war in der Vergangenheit implizit und bedingt politisch. Ich habe oft mit Gründern darüber gesprochen: Warum hast du dich für Investor A oder B entschieden? Es kommt auf Netzwerk, Renommee, den persönlichen Match an. Aber es wird – und das war schon bei Mistral und Aleph Alpha sehr stark in den Medien präsent – auch eine Entscheidung darüber, welche politischen Signale ich sende. Wenn es darum geht, europäische Souveränität zu haben, kann ich wahrscheinlich nicht den Staatsfonds aus Saudi-Arabien oder Andreessen Horowitz an Bord nehmen.
Jan Thomas: Aber ist das dann nicht der Fehler des Gründers? In Ermangelung von Alternativen?
Björn Rieckhoff: Ganz genau. Das ist die Sache. Wenn ich meine Company weitertreiben muss und sie finanzieren muss, muss ich abwägen: Was ist mir wichtiger? Wo kommt das Kapital her? Das ist übrigens eine Diskussion, die GPs genauso führen – zum Thema Menschenrechte, zum Thema welche Investoren sie an Bord lassen. Ich kann keinem Gründer vorwerfen, entsprechende Fonds aufzunehmen. Ich verstehe die Beweggründe. Aber man muss individuell abwägen, was man akzeptiert und was nicht. Und das wird, glaube ich, zu selten explizit gemacht.
Jan Thomas: Jetzt hast du in den USA eine Klicke – Peter Thiel, Stephen Miller, die Leute um Trump – wo man nur denken kann: Wenn das die neue Realität ist, ist das ein Moralkorsett, mit dem sich die wenigsten von uns identifizieren können. Und ich frage mich: Wie soll Europa in zehn Jahren aussehen? Welche Weichen müssen jetzt gestellt werden? Das sehe ich gerade gar nicht. Wir führen Debatten darüber, ob wir eine Stunde länger pro Woche arbeiten sollen.
Björn Rieckhoff: Da gebe ich dir völlig recht. Und es wäre naiv zu glauben, dass die Tech-Industrie hierzulande keine Lobbyisten hat – natürlich hat sie die. Aber wenn du siehst, wie eng Thiel, Musk, Andreessen, auch Alex Karp mittlerweile mit dem Weißen Haus verzahnt sind, und wie freizügig Trump mit diesen Themen umgeht – das ist ein neues Tech-Establishment, das sich bewusst als Elite positioniert, während Trump im Wahlkampf davon sprach, Eliten abzubauen. Das ist das Gegenteil davon.
Jan Thomas: Wobei Lobbyismus an sich ja nichts Schlechtes ist. Wenn die richtigen Ziele verfolgt werden und die richtigen Leute gehört werden – damit kann ich etwas anfangen. Ich würde mir wünschen, dass eine Verena Pausder oder ein Christian Miele einmal pro Woche im Kanzleramt gehört würden. Aber stattdessen geht gerade durch die Presse, dass die Mehrwertsteuer für Printprodukte gesenkt werden soll. Ich frage mich, ob verstanden wurde, dass das ein Auslaufmodell ist. Wir verlieren uns an den falschen Stellen.
Björn Rieckhoff: Hundertprozentig. Was fehlt, ist das Zielbild: Wir haben folgende Probleme – die Rentenlücke, die Überalterung, den Strukturwandel in der Automobilindustrie. Elon Musk sagt – trotz allem Anderen, was man über ihn denken kann – zu Recht, dass das Problem in der westlichen Welt nicht Überbevölkerung, sondern Mangel an Arbeitskräften sein wird. Das sind Realitäten, die auch wir haben. Wir müssen sie benennen, einen Plan entwickeln, und uns dann an diesem Plan abarbeiten. Nicht von einem Monat in den nächsten stolpern.
Was jetzt gerade in Amerika passiert und was man am Beispiel Musk sehen kann: Unternehmer gehen sehr stark ins Politische. Man kann einen Staat bedingt gut unternehmerisch führen, weil die Anreize andere sind. Was ist das zentrale Ziel eines CEOs im Kapitalismus? Maximierung des Shareholder Values. Wenn man das einfach auf einen Staat überträgt, landen wir im Manchester-Kapitalismus. Den haben wir alle irgendwann als keine gute Idee erkannt – und deswegen Sozialverträglichkeit eingeführt. Dieses Bewusstsein ist, glaube ich, in Europa klar verankert: Freiheit, Rechtsstaat, soziale Einbettung. Die US-Variante – Deregulierung, möglichst schnelle Skalierung – hat ihre Vorteile. Aber ich glaube nicht, dass wenn wir dieses Spiel auf amerikanische Art und Weise spielen, die Zukunft sozialverträglich aussieht.
Jan Thomas: Hinterher kann kein Staat funktionieren ohne eine funktionierende Wirtschaft. Unsere Cashcow hieß jahrzehntelang Automobilindustrie und Maschinenbau. Die ist angezählt. Jetzt muss man überlegen: Was ist die nächste Cashcow in fünf oder zehn Jahren? Die Welt geht in Phasen. Deutschland ist noch nicht untergegangen. Aber wenn wir jetzt nicht die Weichen stellen, wird es nach vorne raus schwierig. Und dann noch der andere Punkt: Wir würden uns gerne gegen das aufbäumen, was Trump da gerade fabuliert – Venezuela, Grönland, was auch immer. Aber wir sind gar nicht in der Position dazu. Dann werden Cloud-Server abgestellt, die digitale Infrastruktur gekappt, und plötzlich merkst du, du bist so abhängig, dass du gar nicht aufbegehren kannst.
Björn Rieckhoff: Und das passiert ja auch. Wenn ich mir Venezuela anschaue – und wir rutschen jetzt wirklich ins Politische – dann denke ich mir: Dann gib doch bitte mal deine Meinung ab. Aber es ist fast so, als würde sich keiner in Europa trauen, offen zu sagen: Nein, ich bin anderer Meinung. Es tut gut, wenn wir das sagen und für unsere Werte einstehen.
Ich glaube auch, dass es viele Schlüsselbranchen gibt, bei denen Deutschland eine sehr gute Rolle spielt – Robotik vor allem. Wichtig ist, diese Branchen zu stärken, und das nicht mit kleinen Kleckerbeträgen, sondern in der richtigen Relation. Und: Venture Capital in Europa ist als Industrie gar nicht so viel kleiner als in den USA. Während a16z 18 Prozent aller US-Investments repräsentiert, hat Europa insgesamt rund 25 Prozent des globalen VC-Marktes. Wir stehen nicht schlecht da. Wir haben eine tolle Infrastruktur, ein gutes Ökosystem. Aber wir verlieren uns in langwierigen Diskussionen und regulieren, ob eine Kappe auf einer Flasche sein muss oder nicht. Lasst uns lieber darüber sprechen, was die wirklichen Stellschrauben sind.
Jan Thomas: Das wäre auch das wichtige Signal: Wir pausieren jetzt für ein halbes Jahr alle internen Themen und fokussieren ausschließlich auf das, was Deutschland und Europa international wettbewerbsfähig hält. Weil du musst die Weichen stellen. Und ich weiß nicht, ob Politiker wie Philipp Amthor überhaupt verstehen, was ein 15-Milliarden-Fonds von a16z bedeutet. Vielleicht ist ihnen gar nicht bewusst, dass das im Grunde die R&D-Abteilung der Zukunft ist.
Björn Rieckhoff: Sensibilisieren, aufrütteln – das ist wichtig, und das muss in der Politik ankommen. Deswegen brauchen wir auch stärkere Stimmen: ob das Christian Miele ist, der bei Lanz sitzt, oder andere Technologieunternehmer und Investoren. Es ist wichtig, dass wir diese Kompetenzen im Parlament haben, um bestimmte Dringlichkeiten aufzuzeigen.
Und das Problem ist ja nicht, dass wir es nicht verstehen – viele wissen es. Die Frage ist die Umsetzung. Und da ist wichtig: Wir dürfen nicht kleinteilig in einzelnen Ländern denken, mit nationalen Förderprogrammen. Das muss Europa als Ganzes sein. Baden-Württemberg und Bayern können nicht ihr eigenes Ding machen. Europa als Ganzes muss einen Hebel ansetzen.
Jan Thomas: Don't get me started on Föderalismus. Aber ich fand den neuen Staatsminister für Digitales und Staatsmodernisierung, Karsten Wildberger, eigentlich ganz okay – weil er ein Quereinsteiger ist. Er bringt Praxisnähe mit. Gleichzeitig: Der erste Digitalminister kommt gefühlt 40 Jahre nach Erfindung des Internets. In 40 Jahren haben wir dann vielleicht einen Minister für KI. Da muss man manchmal auch einfach schneller sein, als es der Parteitag erlaubt.
Björn Rieckhoff: Richtig. Und es spricht ja nichts dagegen, wenn Dinge auch mal schieflaufen – sie lassen sich korrigieren. Wenn ich mir ewig überlege, wie ich etwas strukturiere, und nie in die Umsetzung komme, habe ich ein Problem. Das ist ähnlich wie beim Unternehmensaufbau: Wenn ich das Produkt nie in den Markt bringe, werde ich kein reales Feedback kriegen. Das hat auch sehr viel mit Fehlerkultur zu tun. Politiker dürfen Fehler machen – Hauptsache, wir bewegen uns voran. In der Summe werden es dann mehr Erfolge als Misserfolge sein, und die Misserfolge korrigieren wir eben wieder.
Jan Thomas: Björn, zum Abschluss: Wir leben in einer Realität, in der Venture Capital nicht mehr neutral ist – das war es wahrscheinlich nie, aber es ist jetzt sehr stark an Staatsinteressen gekoppelt. Zumindest anderswo. Ist Venture Capital damit ein patriotisches Thema?
Björn Rieckhoff: Was mir wichtig ist: dass wir offen darüber sprechen, welche Themen finanziert werden, warum, und was die Ethik dahinter ist. Wenn einige wenige Personen bei einem 15-Milliarden-Fonds die Entscheidungen treffen, dann spielt deren Wertekosmos eine sehr starke Rolle in der Frage, in welche Richtung es geht. Das muss uns bewusst sein.
Jan Thomas: Und dieser Wertekosmos schwappt dann hierher rüber. Das darf man nicht vergessen. Dann kannst du noch so sehr sagen, Palantir gefällt dir nicht – irgendwann ist es alternativlos.
Björn Rieckhoff: Ja genau. Wer nicht für eigene Werte einsteht und den Mund aufmacht, verliert die Wahl. Ich würde mir wünschen, dass Leute – auch in der Gründerszene, nicht nur in der Politik – öfter klar Stellung beziehen, auch mal anecken, und dass es okay ist, eine andere Meinung zu haben. Für Werte einstehen, die wir zurecht haben und die uns wichtig sein sollten.
Jan Thomas: Tough times. Aber wir bleiben Optimisten – das ist unser Grundding. Wir packen in die Show Notes den Blogpost von Ben Horowitz, die Lanz-Folge mit Christian Miele und Philipp Amthor und die Episode mit Henrik Kühnert und Daniel Höpfner. Björn, danke dir.
Björn Rieckhoff: Tschau!
Über Björn Rieckhoff
Björn Rieckhoff ist Independent Advisor und Business Angel mit fast zehn Jahren Erfahrung im Early-Stage-Venture-Capital. Er half beim Aufbau von Cavalry Ventures als erster Mitarbeiter und wurde später Partner des Fonds. Heute unterstützt er Gründer beim Fundraising, schärft ihre Story, stellt Geschäftsmodelle auf den Prüfstand und setzt schlanke Finanzierungsprozesse auf. Mit über 80 Transaktionen und Board-Sitzen von der Seed- bis zur Series-B-Phase bringt er diese Perspektive als Sparringspartner für Unternehmer ein.
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